Wei­chen­stel­lun­gen

Es ist wie­der mal ei­ner je­ner Mon­ta­ge, an de­nen stän­dig die Te­le­fo­ne ru­fen und Du am Nach­mit­tag reich­lich ge­streßt aus dem Bü­ro fliehst, oh­ne in den mehr als acht Stun­den am Platz auch nur an­nä­hernd zu dem ge­kom­men zu sein, was Du Dir ei­gent­lich für heu­te vor­ge­nom­men hat­test. Al­les ist drin­gend, je­der hat ein un­auf­schieb­ba­res An­lie­gen, es gibt nir­gends mehr Re­ser­ven und dop­pel­te Bö­den, und so sehr Du auch ver­zwei­felt ver­suchst, die Fä­den zu­sam­men­zu­hal­ten, so we­nig spie­len das Le­ben und die Zwän­ge da drau­ßen mit. Ir­gend­wann geht es nicht mehr. Da läßt Du Dich in das wei­che Sitz­pols­ter Dei­nes Fei­er­abend­zu­ges fal­len und schaust nach dem Him­mel: Na­tür­lich, aus­ge­rech­net jetzt zieht es sich zu.

Gleißendes Gleisfeld des Fürther Hauptbahnhofes (Foto: Ralph Stenzel)

Aber bis zum Re­gen sind es be­stimmt noch zwei Stun­den hin, und so be­schließt Du spon­tan, den Zug nicht wie ge­wohnt in der Hei­mat­stadt zu ver­las­sen, son­dern noch et­was wei­ter ins Um­land hin­aus zu fah­ren, in je­nes Städt­chen, wo es ei­ne gro­ße Ver­kaufs­hal­le mit Sa­chen gibt, die an­de­re aus­ge­mus­tert und ei­nem gu­ten Zweck zu­lie­be ge­spen­det ha­ben. Des ei­nen Last kann des an­de­ren Lust sein. Ei­ne gu­te Ab­len­kung zu­dem, viel­leicht fin­det sich ein schö­nes al­tes Teil für die Kü­che oder die gu­te Stu­be, und war­um auch nicht...

Bis zum Ort der nost­al­gi­schen Ver­hei­ßun­gen ist es nicht weit, doch bleibt die Ex­kur­si­on oh­ne Fol­gen für Heim und Geld­beu­tel. Na, ist auch nicht ver­kehrt. Doch wie die Zeit bis zur Ab­fahrt des nächs­ten Zu­ges in Rich­tung Stadt ver­brin­gen?

Die Fra­ge ist ei­ne rein rhe­to­ri­sche, denn der ein­sa­me Ort am Ran­de der Sied­lung ist vol­ler Er­in­ne­run­gen für Dich: vor ge­nau 25 Jah­ren hast Du nach ab­ge­schlos­se­ner Aus­bil­dung und be­stan­de­ner Prü­fung hier den Früh­ling und Tei­le des Som­mers im Stell­werk ge­ses­sen, nach­mit­tags, früh und nachts. Spä­ter warst Du in die Un­fall­be­reit­schaft ein­be­zo­gen und durf­test wäh­rend ei­ner gan­zen Wo­che den Be­reich der Haupt­dienst­stel­le nicht ver­las­sen: Da drü­ben im Gü­ter­schup­pen hat­test Du Dei­ne Luft­ma­trat­ze auf­ge­bla­sen und den knor­ri­gen al­ten Chef ver­wünscht, der sei­ne ei­ge­nen Be­reit­schafts­ta­ge wie selbst­ver­ständ­lich weit au­ßer­halb auf sei­ner »Ranch« ver­brach­te.

Die ros­ti­gen La­de­glei­se sind längst de­mon­tiert, ein­zig das Über­ho­lungs­leis und die Ab­zwei­gung der Ne­ben­stre­cke ha­ben dem Wind der Re­form bis heu­te stand­ge­hal­ten. Vor der mor­schen Ram­pe am Gü­ter­schup­pen lie­gen kei­ne Schie­nen mehr im Schot­ter, da­für hän­gen Gar­din­chen hin­ter den ma­ro­den Fens­tern. Das mäch­ti­ge Emp­fangs­ge­bäu­de hat zwei Jahr­hun­dert­wen­den ge­se­hen, bis auf die in den Or­bit schie­len­den Blech­tel­ler sieht die Sand­stein-Fas­sa­de aus wie ehe­dem.

Du schlen­derst durch die tris­te klei­ne War­te­hal­le: Der Bo­den grau, Wän­de und Tü­ren des­glei­chen. Al­les grau. Das ehe­ma­li­ge Schalt­er­fens­ter ist not­dürf­tig ver­schlos­sen, hier schie­ben nur noch Au­to­ma­ten Dienst. Ein ein­zi­ger Mit­ar­bei­ter aus Fleisch und Blut – der Fahr­dienst­lei­ter – sitzt wei­ter­hin im Glas­kas­ten am Bahn­steig 1, ver­mut­lich im un­ver­än­der­ten Rhyth­mus von nach­mit­tags, früh und nachts. In zwei­ein­halb Stun­den kommt sein Ab­lö­ser.

Du klopfst an die Schei­be, zeigst Dein Kon­zern­plas­tik­teil vor und bit­test um die Gunst ei­ner Orts­be­sich­ti­gung. Und schon bist Du mit­ten drin, ein Schritt nur, doch ein Vier­tel­jahr­hun­dert weit...

Der al­te Stell­tisch, das Stre­cken­band, die Lich­ter, die Tas­ten. Ro­te Leucht­bal­ken mar­kie­ren die Zü­ge, sie sprin­gen von ei­nem Ab­schnitt in den nächs­ten, von We­cker­schnar­ren oder sanf­tem Klin­gel­schlag be­glei­tet. Es riecht im­mer noch nach fei­nem Öl, ur­alten Pa­pie­ren und bahn­amt­li­chem Boh­ner­wachs. Die selbst­ge­bas­tel­te Flie­gen­pat­sche aus ei­nem Bam­bus­stöck­chen und ei­nem Le­der­fli­cken in­des exis­tiert nicht mehr. Vor der Sicht­schei­be und dem Flie­gen­git­ter flirrt die war­me Luft des Früh­lings­abends.

Zu Dei­ner Zeit gab es we­der Selbst­stell­be­trieb noch si­gna­li­sier­tes Fah­ren auf dem »fal­schen« Gleis, je­de ein­zel­ne Fahr­stra­ße muß­te ma­nu­ell ein­ge­stellt wer­den. Zwar nicht mehr mit Mus­kel­kraft wie auf den al­ten me­cha­ni­schen Stell­wer­ken, doch hat­te man auch als Knöpf­chen­drü­cker gut zu tun. Des Nachts konn­te man ver­bo­te­ner­wei­se ei­ne Durch­fahrt »auf Vor­rat« auf­zie­hen, dann hat­te man zwi­schen zwei ein­sa­men Ex­preß­gü­ter­zü­gen für ein gu­tes Stünd­chen Ru­he. Dö­sen frei­lich war nicht ge­stat­tet und im Grun­de auch gar nicht mög­lich: Auf dem lan­gen Stre­cken­ab­schnitt des Spur­plan-Ti­sches war im­mer ir­gend­et­was am Blin­ken, Achs­zäh­ler zähl­ten hier die ein­fah­ren­den Rad­sät­ze und dort die aus­fah­ren­den, bei Über­ein­stim­mung ga­ben sie den Ab­schnitt wie­der frei. Al­les wohl aus­ge­klü­gelt und in der Re­gel stö­rungs­frei und zu­ver­läs­sig funk­tio­nie­rend, doch we­he, wenn der Blitz ein­schlug und die Zäh­le­rei durch­ein­an­der­brach­te: Dann blie­ben die Ab­schnit­te feu­er­rot und es galt, den na­hen­den Zug ab­zu­war­ten und sein ei­gen­äu­gig be­ob­ach­te­tes Schluß­si­gnal an den Kol­le­gen streck­auf zu­rück­zu­mel­den, der­wei­len sich da­hin­ter die fol­gen­den Zü­ge an den Halt zei­gen­den Block­si­gna­len zu­rück­stau­ten. Fracht­stü­cken und Schütt­gü­tern war das ei­ner­lei, be­trof­fen­de Rei­sen­de frei­lich be­schwer­ten sich hin­ter­her gern über das, was letz­lich nur zu Ih­rer Si­cher­heit er­son­nen ward...

Das al­les ist Dir mit ei­nem Ma­le wie­der un­er­hört prä­sent, Dein nächt­li­ches Spie­gel­bild in der Fens­ter­schei­be, die pro­vo­zie­ren­de Lang­sam­keit des Uhr­zei­gers wäh­rend der Nacht­schich­ten, auch Dein schweiß­nas­ses Hoch­fah­ren aus un­ru­hi­gem Schlaf, als Du im Traum die drei grel­len Spit­zen­lich­ter be­we­gungs­los vor dem Ein­fahr­si­gnal zu se­hen glaub­test und plötz­lich ganz si­cher warst, kurz ein­ge­nickt ge­we­sen zu sein und den Schnell­zug oh­ne Grund hin­ge­stellt zu ha­ben, ein Fall für die So­fort­ver­fol­gung und oh­ne ei­ne plau­si­ble Aus­re­de zur Hand. Pas­siert ist Dir das nie, aber die Träu­me quäl­ten Dich noch, als Du schon längst nicht mehr im Glas­kas­ten Dienst ta­test. Von der rea­len Ka­ta­stro­phe, dem To­tal­aus­fall der Tech­nik an ei­nem Werk­tag­mor­gen, hast Du merk­wür­di­ger­wei­se nie ge­träumt, ob­wohl da­mals al­le Lämp­chen und Te­le­fo­ne wie ir­re ge­blinkt ha­ben und Du wie ein KO-ge­schla­ge­ner Bo­xer mit ei­nem Hand­tuch um den Na­cken vor Dei­nem nutz­lo­sen In­stru­men­ta­ri­um ge­ses­sen bist...

Aber jetzt schaust Du Dir teils amü­siert, teils tief be­rührt den al­ten Ar­beits­platz an, der nicht wie die Neu­bau­ten voll ak­tu­el­ler Tech­nik steckt, son­dern mit ei­nem Sam­mel­su­ri­um son­der­glei­chen ge­füllt ist: Der mu­sea­le Stell­tisch aus den 1960ern ist flan­kiert von mo­der­nen Mo­ni­to­ren, kein ti­ckern­der »Hell­schrei­ber« spuckt mehr me­ter­lang gum­mi­er­te Pa­pier­schlan­gen zum nas­sen Auf­kle­ben auf A4-Blät­ter aus, statt Stre­cken­fern­spre­chern mit Kur­bel gibt es längst di­gi­ta­len Zug­funk. Aus ei­ner hand­ge­säg­ten Öff­nung in der al­ten Holz­ver­klei­dung lugt ein PC her­aus. Al­les recht kom­plex zu­sam­men­ge­stü­ckelt und doch voll in­ne­rer Lo­gik. Be­triebs­ver­fah­ren, oft mit Blut ge­schrie­ben, weil erst tra­gi­sche Un­fäl­le die ver­blie­be­nen Lü­cken im Re­gel­werk of­fen­bar ge­macht ha­ben.

Du wünscht Dir plötz­lich, Dei­ne ge­gen­wär­ti­ge Ar­beit wie­der ge­gen den Pos­ten des Fahr­dienst­lei­ters ein­zu­tau­schen, und sei es nur ei­nen Som­mer lang: Kaum hat der Ab­lö­ser im Mel­de­buch un­ter­schrie­ben, geht ei­nen das al­les so lan­ge nichts mehr an, bis man sel­ber wie­der auf der Mat­te steht und die Dienstüber­nah­me quit­tiert. Auch nach vier Wo­chen Ab­we­sen­heit war­ten kei­ne Ak­ten­ber­ge und hun­dert­acht­zig ro­te Mails, hier gilt es im­mer nur die Ge­gen­wart zu be­wäl­ti­gen, das ist Her­aus­for­de­rung ge­nug. Kein Ge­dan­ke an Pro­jek­te, Ter­mi­ne und Mei­len­stei­ne schleicht sich in den Fei­er­abend oder ins Wo­chen­en­de, hier bleibt die Ar­beit am Ar­beits­platz, auch wenn der Schicht­dienst nicht je­der­manns Sa­che ist. Und die Dei­ne eben­falls nicht, wenn Du ehr­lich bist... Doch was hast Du in den zwei­ein­halb De­ka­den seit­her er­reicht?

Die hal­be Stun­de ist schnell ver­plau­dert, der net­te Kol­le­ge kennt so man­chen Na­men den Du her­vor­kramst noch aus der ei­ge­nen Er­in­ne­rung. Da kommt auch schon Dein Re­gio­nal­ex­preß um die Kur­ve, wenn Du den zie­hen läßt, mußt Du län­ger war­ten und wirst am En­de doch noch naß. Al­so ver­ab­schie­dest Du Dich rasch und fährst wie­der zu­rück. Auf dem Heim­weg schaust Du noch bei je­man­dem vor­bei, merkst aber, daß Dich die vor­der­grün­dig hei­te­re Stipp­vi­si­te von vor­hin im­mer noch be­schäf­tigt. Der Him­mel wird dunk­ler, die ers­ten Trop­fen fal­len. Al­so nun end­lich ab durch die Mit­te, ei­nen Schirm hast Du ja nicht mit­ge­nom­men. Kurz vor der Haus­tür wird der ein­set­zen­de Re­gen hef­ti­ger, die Stra­ße ist men­schen­leer. Gut so, denkst Du Dir, da be­merkt we­nigs­tens kei­ner das Was­ser in Dei­nen Au­gen.

 
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2 Kommentare

  1. Weit mehr als der Text ver­rät: In Fürth (Bay) Hbf hat der Au­tor wei­land das Ei­sen­bah­nern stu­diert und er­lernt und an­schlie­ßend sein Prak­ti­kum als Fahr­dienst­lei­ter im da­mals or­ga­ni­sa­to­risch da­zu­ge­hö­ren­den Bahn­hof Sie­gels­dorf ab­ge­leis­tet.

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